„Luther-Dekade“

von Klaus Miehling

Die „Luther-Dekade“ ist nun zu Ende gegangen. Abschluss und vermeintlicher Höhepunkt war ein Pop-Oratorium mit 4.000 Chorsängern in Berlin:

https://www.welt.de/kultur/article170306261/Liebes-ZDF-hast-du-das-wirklich-ernst-gemeint.html

Auch wenn die Choristen vermutlich für „Gotteslohn“ verdingt wurden, dürfte das Spektakel, das neben einem Orchester auch professionelle Solisten und elektronische Verstärkeranlagen und viel Logistik und Vorbereitungszeit benötigte, eine Menge Geld gekostet haben, zumal es schon zuvor Aufführungen gegeben hatte. Wo wenig Substanz vorhanden ist, da muss man eben mit Massenbesetzung und Klangverstärkung protzen. Es ist symptomatisch für den Zustand der (hier evangelischen) Kirche, dass man nicht ein E-musikalisches Oratorium in Auftrag gab, das der Würde des Anlasses hätte gerecht werden können, sondern ein Machwerk untersten Niveaus, das auf dem ästhetischen Fremdschäm-Niveau einer Konfirmandenaufführung Darsteller in moderner Alltagskleidung eine „Show abziehen“ ließ und Luthers „Freiheit eines Christenmenschen“ in einen ungezügelten Hedonismus pervertierte. Ein Anthroposoph würde wohl diagnostizieren, dass, so wie der Islam für das Ahrimanische, das moderne Christentum für das Luziferische steht.

Unlängst gab es in der Facebook-Gruppe „Kirchenmusik“ wieder eine Diskussion über Pop im Gottesdienst. Ich verwies auf diesen Text, den ich im Grunde für „idiotensicher“ halte:

https://www.academia.edu/17823428/Ideologie_in_der_deutschsprachigen_Musikwissenschaft_dargestellt_am_Beispiel_der_popul%C3%A4ren_Musik

Dennoch hat ein Kirchenmusiker nach der Lektüre behauptet, es gäbe darin keine „schlüssige Beweisführung“. Ein anderer schrieb verräterischerweise: „Es ist eben gerade nicht bewiesen. Und das wird es auch nie sein, weil es methodisch gar nicht sauber und eindeutig funktionieren kann“. Mit anderen Worten: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. In diesem Sinn ist auch nicht bewiesen, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht: auch nur Korrelationen und etwas Spekulation, wie es vor sich gehen könnte. Da schlage ich ein Gedankenexperiment vor: Stellen Sie sich vor, es ginge nicht um Musik, sondern um ein Medikament. Dieses Medikament wurde in den 1950er Jahren in den USA entwickelt und dort zunächst vor allem an Jugendliche verabreicht. Nun stiegen innerhalb weniger Jahre die Krebserkrankungen bei Jugendlichen in den USA um ein Vielfaches an – und fast alle Erkrankten haben genau dieses Medikament eingenommen. Nachdem das Medikament in Europa zugelassen wurde, geschah dort das gleiche. Dutzende wissenschaftlicher Studien belegten zusätzlich, dass Menschen, die das Medikament eingenommen haben, überproportional häufig an Krebs erkranken. Wer würde dann noch sagen: Alles Quatsch, verschreiben wir das Medikament weiterhin?

Dass nun gerade Kirchenmusiker, die sich in der Regel auch als Christen bezeichnen, die überwältigenden Belege für schädliche, gewissermaßen unchristliche Wirkungen populärer Musik nicht anerkennen, ist besonders pikant. Denn eine „schlüssige Beweisführung“, dass die Inhalte des Christentums wahr sind, konnte noch niemand vorlegen. Aber hier wie da zählt für solche Leute eben nur der „Glaube“.

Auch die o.g. Konzertkritik wurde in der Gruppe diskutiert. Ein Kommentator meinte: „Der liebe Gott hat für alle Verständnis!!!!“ Genau das ist die moderne Theologie: Tu was du willst, Gott liebt dich trotzdem! Die Nähe zum satanistischen Gesetz von Thelema („Tu was du willst, nutze alle Mittel!“) scheint man nicht zu bemerken. Zumindest die musikalischen Mittel werden ja in den Kirchen tatsächlich alle genutzt, und bekanntlich hat man sich jenes satanistische Gesetz auch in den populären Musikszenen zu eigen gemacht. So schließt sich der Kreis.

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