Nach Sachsen-Anhalt: Quo vadis, AfD?

„Mehr Osten im Westen“ oder weniger Protestwahlkampf?

von Michael van Laack

Je nachdem, wo man steht, lässt sich jedes Wahlergebnis schönsaufen oder kleinreden! Fakt ist: Die AfD hat in Sachsen-Anhalt nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis nicht nur 3,4 % bei den Zweitstimmen, sondern bis auf eines alle ihre Direktmandate verloren. Nach dieser Wahl dürfte sich der interne Streit um die Ausrichtung der Partei und der richtigen Strategie noch einmal verschärfen.

Zeigt das Ergebnis – wie Björn Höcke und andere es bewerten – dass die AfD „mehr Osten im Westen benötigt“, also auch in Düsseldorf, Hamburg, Hannover oder München eine fast ausschließlich als Protestpartei agierende AfD größere Wahlerfolge einfangen würde? Oder wäre – wie Jörg Meuthen gestern gegenüber dpa äußerte – ein stärker in die Mitte zielender Wahlkampf in einem schwächelnden Altparteien-System auch in Sachsen-Anhalt der vielversprechendere Ansatz gewesen?

Die AfD hat nicht wegen Haselhoff allein verloren
Bei den Zweitstimmen ist sicherlich hauptsächlich dem beliebten Ministerpräsidenten der CDU-Zugewinn und der Angst grüner und anderer linker Wählern vor einer starken AfD die wohl auch Nichtwähler mobilisierte, zu verdanken. Gegen diese geballte „MP-Bonus- und Furcht-Font“ war die AfD bei den Zweitstimmen chancenlos.

Schauen wir jedoch auf die Erststimmen, wird klar, dass deutlich weniger Wähler den AfD-Kandidaten die Kompetenz zutrauten, die notwendig ist, um die Interessen des jeweiligen Wahlkreises im Landtag zu vertreten. Das ist sicherlich das stärkste Argument gegen die Formel „Mehr Osten im Westen“.

Zu viele Protestformeln, zu wenig Inhalt
Denn hier reicht es nicht mehr (wie noch in Zeiten der Flüchtlingswelle), die reinen Protestwähler zu gewinnen, Phrasen zu dreschen und Unzufriedene aufzusaugen. Vor Ort muss Fleisch an die Knochen. Gefordert sind Konzepte zur Problemlösung. Konzepte, die tragen! Es reicht also nicht, zu sagen: „Ich stehe für bessere Anbindung an den ÖPNV bis 2025.“

Es gilt, Vorschläge anzubieten, die den Bürgern vor Ort eine Vorstellung von dem geben, was man für sie in den nächsten Jahren im Parlament erreichen will. Nur so geriert man über den festen Stamm der Protestwähler hinaus auch die Bürger, die nicht nur hören wollen: „Es ist alles gerade sooo schlimm und wir machen das alles innerhalb weniger Jahre besser!“, sondern die den Menschen das „Wie?“, „Wann?“ und vor allem das konkrete und nicht schwammige „Was?“ schlüssig beantworten.
Strategie zur Bundestagswahl

„Mehr Osten im Westen!“ wäre verheerend. Zum einen, weil die im Osten in der Tat trotz allem sehr erfolgreiche Form des Populismus und des Tanzens auf roten Linien, des Ausreizens der Provokationsgrenze sowie des argumentativ nicht unterfütterten Linken- und Grünen-Bashings im Westen, Norden und weiten Teilen des Südens nicht einmal bei den Zweitstimmen funktioniert.

Zum anderen, weil die MSM leider erfolgreich ein Bild gezeichnet haben von den „Nazis aus dem Osten“. Wenn die Bürger nun in den kommenden Monaten spüren und sehen sollten, dass der Ton, den die Partei anschlägt und die Strategie, die sie fährt, dem Ostverhältnissen angepasst wird, weil das angeblich so erfolgreich ist, werden sich viele abgeschreckt abwenden.

Ohrfeige für Chrupalla und Weidel
Gestern sah ich in der Sendung Anne Will den Spitzenkandidaten Tino Chrupalla, der von Jörg Meuthen als „die Stimme eines Mitglieds der Partei“ sprach, als er auf dessen Statement an die dpa angesprochen wurde. Diese Arroganz könnte der Partei bei der Bundestagswahl das Genick brechen. Chrupalla und Weidel fördern auch in den Bundesländern außerhalb des Ostens fast nur Mandatsträger, die der Oststrategie folgend ausschließlich mit Protest agieren, gern mal mit Goebbels-Zitaten kokettieren und den Flügel – wie Chrupalla – als die einzig wahre AfD sehen.

Diese einzig „wahre AfD“ hat gestern eine schallende Ohrfeige bekommen. Nicht wegen der zu erwartenden Zweitstimmen-Verluste. Sondern weil ihren kommunalen Vertreter nicht die Kompetenz zugetraut wird, die ihr Habitus verspricht. Die AfD braucht im Bundestagswahlkampf eine Mischstrategie. Der Osten möge weiterhin so Wahlkampf führen, wie er es in den vergangenen Jahren erfolgreich getan hat. Er hat ja – betrachtet man die Direktkandidaten – mit wenigen Ausnahmen auch kaum personelles Potenzial und auch nicht den Willen, in der Mitte zu fischen. Wenn die Strategie im Osten bei der Bundestagswahl nicht aufgehen sollte, verliert die Partei auf Bundesebene in der Summe vielleicht 1,5 bis 2 Prozent der Wählerstimmen.

Getrennt marschieren, vereint schlagen!
Falls aber Weidel und Chrupalla ihre Spitzendkandidatur für den Zenit der Macht des Flügels halten sollten und die Direktkandidaten überall im Land strategisch so in den Wahlkampf schicken, wie die LaVos in Sachsen-Anhalt oder Thüringen es machen, kostet das die Partei mindestens sechs Prozent. Außerhalb des Ostens gilt es deshalb jetzt, in der Mitte zu fischen. Es gilt, jene Wähler der Unionsparteien und der CDU, die keine Kopulation mit den Grünen und keine „Deutschland-Koalition“ wünschen, zu überzeugen.

Mit Konzepten, mit Augenmaß, mit Sachlichkeit. Nicht mit mehr Höcke für Duisburg, mehr Kestner für Stuttgart oder mehr Bollmann für München. Hoffen wir, dass die Arroganz der Macht der Ost-AfDler und anderer Flügler nicht das Schicksal der AfD bestimmen wird und sie den Weg führt, den vor ihr schon andere Parteien gegangen sind, die angetreten waren, sich rechts neben der CDU zu etablieren.

Auf Zweistimmen konzentrieren – aber nicht marktschreierisch
In den meisten Bundesländern außerhalb des Ostens sind Direktmandate für die AfD ohnehin eine Ausnahme. Daran lässt sich auch vor dieser Wahl nichts mehr ändern. Umso wichitiger wird es sein, dass eben nicht die „Arroganz der Macht“ über strategische Überlegungen siegt; dass Chrupalla und Weidel das in sie von der Mehrheit der Mitglieder gesetzte Vertrauen, die AfD mit einem erfolgreichen Wahlkampf zu einem starken Ergebnis bei der BTW führen, nicht als Mandat verstehen, mehr Osten in den Westen zu tragen.

„Deutschland – aber normal.“ bedeutet nicht: „Normal ist nur der Osten.“ Das schreibt Euch ins Stammbuch, sonst geht die AfD binnen zweier Legislaturperioden unter!

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Ein Gedanke zu “Nach Sachsen-Anhalt: Quo vadis, AfD?

  1. Seit wann geht es in der Politik um Kompetenz und Glaubwürdigkeit? Dann müssten fast alle Bundesminister samt Mörkel abtreten! Wenn eine Qualitätspartei in der Opposition war, dann hieß es, die Opposition brauche keine Konzepte vorzulegen. Dafür sei schließlich die Regierung da. Die Opposition sei nur zur Kontrolle der Regierungspartei da! Fakt ist, dass die AfD machen kann, was sie will, die gesammelte linke Brut inclusive Staatspropaganda zerreißt sie. Entweder ist der rechte Flügel zu stark oder ‚linke‘. Der rechte Flügel wird aus Prinzip bekämpft, der ‚linke‘ aus Furcht vor dem Verlust von Wählerstimmen.
    Die AfD tut gut daran, sich nicht den ‚Qualitätsparteien‘ anzubiedern.⁹

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