Und plötzlich hieß sie Königsberg

von Uwe Niemeier

Der Fernseher läuft und die Kaliningrader Regionalnachrichten kündigen eine wichtige Sondermeldung an. Der Sprecher erscheint auf dem Bildschirm und meldet: „Seit heute früh 5.45 Uhr heißt die Stadt wieder Königsberg.“

Zuerst war ich sprachlos und dann begann ich mir die Folgen dieser Entscheidung auszumalen. Als erstes müsste ich sofort meine Firma umbenennen, von „Kaliningrad-Domizil“ in „Königsberg-Domizil“, neue Visitenkarten müssen gedruckt werden, das Informationsportal muss neu programmiert werden und die Ansage auf meinem Anrufbeantworter muss geändert werden … was für ein Stress.

Andererseits, so waren meine nächsten Überlegungen, werden nun Millionen deutscher Bürger zu uns kommen, uns besuchen, uns Ratschläge geben, Geld investieren und Königsberg in eine blühende russische Landschaft verwandeln. Die Neu-Königsberger profitieren von dieser Entwicklung. Vollbeschäftigung ist garantiert (immerhin müssen überall die Schilder geändert werden), Deutschland schickt Milliarden Euro nach Königsberg, um die hässlichen sowjetischen Bauten in schöne Königsberger Puppenstubenvillen zu verwandeln. Deutsche Landwirtschaftspezialisten helfen den unerfahrenen russischen Bauern die brachliegenden landwirtschaftlichen Flächen zu kultivieren und in eine neue Kornkammer zu verwandeln. BMW erweitert seine Produktion in Königsberg und beliefert den europäischen Markt zukünftig mit Fahrzeugen „Made in Königsberg“. Meine Immobilienverwaltung verwaltet nun auch Wartelisten auf freiwerdende Wohnungen, die von ausländischen Beratern für teures Geld angemietet werden wollen.

… Und dann bimmelte der Wecker. Es ist Montag früh, 5:46 Uhr, ich wurde endlich aus diesem Alptraum gerissen und befand mich sofort wieder in der Kaliningrader Wirklichkeit – allerdings schweißnass gebadet.

Aber es scheint Leute zu geben, für die dies kein Alptraum ist, denn sie träumen von einem derartigen Szenarium. Allerdings träumen sie erst einmal davon, dass die Stadt umbenannt wird, denn immerhin ist Kalinin der Namensgeber und dieser Kalinin ist nicht nur Kommunist, sondern auch ein Staatsverbrecher. Die Folgen, die eine derartige Umbenennung hätte, stehen auf einem anderen Blatt Papier. Ganz bestimmt sind es aber nicht die Folgen, die ich in meinem Alptraum gesehen habe.

Das Internetportal „Exclave“ veröffentlichte am 20. Juli einen Artikel:

Da geht es um eine Petition die von (bisher) 23 Personen unterzeichnet wurde und die an den Bürgermeister der polnischen Stadt Elblong gerichtet ist. In der netten alt-ostpreußischen Stadt gibt es eine Kreuzung, einen Kreisverkehr. Und dort steht in Wegweiser, der den nicht Informierten hinweist, wo es nach „Kaliningrad“ geht. Und in dieser Petition wird gefordert, diesen Wegweiser zu entfernen und durch „Königsberg“ zu ersetzen. Man bezog sich in diesem Brief auf eine Entscheidung in Polen, alles „Kommunistische“ zu liquidieren. Dazu gehören anscheinend auch die Wegweiser in ein fremdes Land – meinen diese russischen Aktivisten.

Für mich steht die Frage, ob diese Aktivisten nichts anderes zu tun haben, als sich um diese realitätsfernen Dinge zu kümmern. Müssen die nicht auch irgendwie Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen, Frau und Kinder ernähren? Wieso haben die Zeit für solche (politischen) Dinge, deren Umsetzung in keiner Art und Weise auch nur irgendeinen positiven Einfluss auf das praktische Leben in Polen und im russischen Kaliningrad nimmt? Oder ist eben diese „politische Tätigkeit“ ihr Gelderwerb? Sind das Leute, die mit diesen „Sticheleien“ ihr Geld verdienen und wenn ja, wer ist der Auftraggeber?

Im Artikel wird erwähnt, dass der „Oberaktivist“ dieser Aktivisten ein gewisser Oleg Sawwin ist. Der Name ist in Kaliningrad bekannt, denn, gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten, hatte er vor einigen Jahren auf einem FSB-Gebäude (es war eine Garage) eine deutsche Fahne gehisst – als Protest gegen den Beitritt der Krim zur Russischen Föderation. Dafür verbrachte er 14 Monate im Untersuchungsgefängnis – 14 Monate, wo er sich nicht um Frau und Kinder kümmern, kein Geld verdienen konnte und trotzdem scheint es ihm gut zu gehen, wenn er sich jetzt wieder für Dinge einsetzt, die überhaupt nichts mit einer Verbesserung des Arbeits- und Lebensniveaus der polnischen und russischen Bevölkerung zu tun haben. Wovon lebt also dieser Mann? Und eine viel wichtigere Frage prinzipieller Art ist: Was ändert sich dadurch, dass Kaliningrad nicht mehr Kaliningrad heißt, sondern irgendwie anders? Und was ändert sich dadurch, dass die polnische Kreuzung nicht mehr nach „Kaliningrad“ weist sondern nach „Königsberg“? Viele werden sich verirren, wenn sie nicht wissen, dass es sich bei „Königsberg“ eigentlich um „Kaliningrad“ handelt.

Der Leiter des polnischen Kulturzentrums in Kaliningrad Tomas Oschanski meint, dass man in Polen auf derartige Petitionen nicht reagieren wird. Die Handlungen dieser Gruppe russischer Aktivisten kann nicht ernst genommen werden. Auch die russische Seite reagiert darauf eher gelassen, denn das von dieser Gruppe eine reale Gefahr für eine geplante „Heim ins Reich“-Bewegung ausgehen könnte, ist wohl wenig wahrscheinlich – so Tomas Oschanski. Allerdings, so ergänzte der Leiter des polnischen Kulturzentrums, scheint es auf dem kulturellen Gebiet in Kaliningrad einige Probleme zu geben.

Polen selber ist nicht an einem Ausscheiden Kaliningrads aus dem Bestand der Russischen Föderation interessiert, denn dies wäre der Beginn eines Prozesses, in dessen Ergebnis auch Polen die Gebietsteile verlieren könnte, die ehemals zu Ostpreußen gehörten. Der russische Status des Kaliningrader Gebietes ist eine der ganz wenigen Punkte, wo Russen und Polen eine völlig übereinstimmende Ansicht haben.

Wenn es denn wirklich einmal zu einem anderen Stadtnamen kommen sollte, welchen Namen soll die Stadt dann tragen? Es sollte doch ein Name sein, zu dem die Stadt einen realen Bezug hat. Damals, also so um 1255, hatte es einen König gegeben und die Stadt stand wohl auch irgendwie auf einer Höhe die man als Berg betrachten konnte, also bot sich die Bezeichnung „Königsberg“ an. Aber heute … wir haben weder einen König noch einen nennenswerten Berg in Kaliningrad. Spontan kommt mir als neuer moderner Stadtname „Präsidentengrad“ in den Sinn oder was meinen Sie?

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentare mit [verlinkter] Werbung werden automatisch als Spam eingestuft und nicht veröffentlicht. Das Einkopieren fremder Texte und Verlinkungen sind untersagt.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.