Die Amerikanisierung Deutschlands. Die Germanisierung Kaliningrads.

von Uwe Erich Niemeier

1993 habe ich Deutschland endgültig verlassen. Um mich über Deutschland zu informieren nutze ich die Medien, die Sozialnetzwerke und Gespräche mit Deutschen, die ich in Kaliningrad treffe. Und immer wieder höre ich, dass sich Deutschland in amerikanischer Abhängigkeit befindet. Und immer wieder höre ich, dass es keine Germanisierung Kaliningrads gibt. Und nun versuche ich mal beides zu verstehen.

1945 – deutsche Kapitulation, Sieg der Alliierten, Aufteilung in Besatzungszonen – sprich Einflusszonen, Beginn des Kalten Krieges, Beginn des Kampfes um die Köpfe und Herzen der Deutschen. So würde ich mal beginnen wollen.

Die Russen, äh … die Sowjets, haben diesen Kampf um die Köpfe und Herzen der Deutschen verloren – eindeutig.

Die Amerikaner haben diesen Kampf gewonnen – eindeutig.

Aber warum?

Natürlich weil die Amerikaner den (West)Deutschen Freiheit und Demokratie gebracht haben. Alles das, was Amerika in Amerika aufgebaut hat, hat es nach Deutschland gebracht, gut verpackt in einem Marshall-Plan und den Deutschen angeboten, all das zu übernehmen. Damit auch alles so demokratisch und freiheitlich wird wie in Amerika, gab es verschiedenste Förder- und Aufbauprogramme. Der schon erwähnte Marshall-Plan brachte materielle Hilfe. Deutsche wurden in die USA eingeladen, man konnte dort studieren oder einfach nur ein Praktikum machen, es gab Schüleraustauschprogramme. Die Gründung neuer demokratischer Massenmedien mit Hilfe der Amerikaner begann. Letztendlich entstand die Transatlantik-Brücke, die heute noch aktiv genutzt wird, um amerikanische Gedanken Richtung Deutschland zu transportieren. Viele Deutsche, die in Amerika studiert haben, haben sich mit amerikanischer Lebensweise angefreundet und versuchen diese, nach Rückkehr nach Deutschland, auch in Deutschland zu vermitteln. Häufig besetzen diese Personen Führungsposten in der Wirtschaft, der Kultur, der Politik. Und Amerika kümmert sich um diese Leute, hält Kontakt der verschiedensten Art. Und eine Vielzahl von NGO in Deutschland kümmert sich um die amerikanischen Interessen und vermitteln täglich amerikanische Lebensart.

Und die Masse der Deutschen, so habe ich zumindest den Eindruck, sind begeistert von Amerika. Sie haben ihr Herz und ihren Kopf Amerika übergeben. Und ich habe auch gar keinen Zweifel, dass dies wirklich so ist, denn niemand zwingt die Deutschen, künstlich begeistert zu sein. Amerika ist reich und interessant und ist bereit, dies alles mit anderen zu teilen.

Aber Leben ist Geben und Nehmen und deshalb meinen, nun schon lauter werdende Stimmen, dass Deutschland amerikanisiert ist, Deutschland nicht souverän ist, Deutschland keine Entscheidungen treffen kann, die den Amerikanern nicht genehm sind. Deutschland hat die amerikanischen milden Gaben genommen und im Gegenzug seine Souveränität gegeben. Der Einfluss Amerikas auf Deutschland, die Amerikanisierung, scheint komplett zu sein.

Das sind aber alles theoretische Behauptungen, die in der Praxis noch nicht wirklich getestet worden sind. Es gibt Einzelbeispiele, wo man merkt, dass Deutschland irgendwie „schweigt“ – wenn wir z.B. an die riesigen Abhöraktionen der Amerikaner denken, den Lauschangriff auf die Bundeskanzlerin und die Spionageeinrichtungen in der amerikanischen Botschaft in Berlin.

Und natürlich vergessen wir auch nicht die amerikanischen Truppen in Deutschland, die natürlich Deutschland schützen – vor wem eigentlich? Ach so, vor den Russen, die 1991 aus Deutschland, ohne einen Schuss, abgezogen sind. Da kommt dann vielleicht doch der Verdacht auf, dass die amerikanischen Truppen in Deutschland amerikanische Interessen schützen … für den Fall, dass …

Lange Rede, kurzer Sinn. Bis 8. Mai 1945 waren die Amerikaner Todfeinde der Deutschen. Dann ist es ihnen gelungen, mit den genannten Dingen, sich in die Herzen der Deutschen zu schmuggeln und dort sind sie fest verankert.

Und auch die amerikanische Sprache (sie ist ja eigentlich Englisch) ist ein fester Bestandteil der deutschen Sprache. Wenn man heute aus der deutschen Sprache alle Amerikanismen herausnehmen würde, würden die Deutschen auf lange Strecke sprachlos sein.

Ich behaupte, dass Deutschland amerikanisiert ist und wenn irgendwann mal die Frage auftauchen würde, ob Deutschland bereit wäre, der erste europäische amerikanische Bundesstaat in der Welt zu werden – eine Minderheit würde sich finden, die den Rest der Deutschen beibringt, dass dies eine tolle Idee ist und es danach allen noch besser geht.

Und nun schauen wir mal auf Kaliningrad und die Germanisierung, deren Existenz von vielen Deutschen und nicht wenigen Russen bestritten wird.

1946 war Schluss mit dem deutschen Königsberg, dem deutschen Ostpreußen. Alle Deutschen wurden ausgesiedelt und die Region mit Neubürgern aus der ganzen Sowjetunion besiedelt. Es gab innerhalb weniger Jahre nur noch wenig, was an Deutschland erinnert – ich meine hier deutsche Strukturen, deutsche Bezeichnungen, deutsche Lebensweise, deutscher Unterricht, deutsche Autos, deutsche Straßenbahnen usw. Einige deutsche Immobilien sind erhalten geblieben, der Neuaufbau erfolgte in sowjetischer Schlicht-Architektur.

Und dann begann das Land zu bröckeln. Die Gorbatschow-Politik ermöglichte es, dass durch Glasnost alles bis Deutschland sichtbar wurde. Und schon 1988 standen die ersten Deutschen aus Westdeutschland bereit, sich in „Königsberg“ zu engagieren.

Es begannen, nach dem Zusammenbruch des Landes, die humanitären Hilfslieferungen der Deutschen an die armen Neu-Königsberger und die vielen verwahrlosten und hungernden Königsberger Kinder. Es wurden deutsche Firmen ansässig, erste deutsche Neusiedler kamen, die kleine deutsche Dörfer aufbauen wollten, es wurden Kaliningrader Kinder, Jugendliche und Studenten nach Deutschland eingeladen, um die deutsche Lebensweise kennenzulernen. Es wurden deutsche NGO gegründet und mit viel Geld ausgestattet. Die Universität Kant erhielt umfangreiche Fördergelder aus Deutschland und den deutschen Namen „Kant“. Und es gab Studenten- und Kulturaustausch. Fast alle bekannten Kaliningrader Extremisten, die die Heimführung Königsbergs fordern, haben die Kant-Universität absolviert.

Es wurde im Jahre 2005 ein deutsches Generalkonsulat eingerichtet, welches direkt vor Ort Kontaktpflege zwischen Deutschland und Russland betreibt – natürlich rein humanitär und ohne jegliche Hintergedanken. Und ich bin auch weit davon entfernt, irgendetwas anderes zu denken, auch wenn der deutsche Botschafter in Moskau und selbstbekennende Pass-Fälscher Freiherr von Fritsch, stellvertretender BND-Chef war.

Es gibt Sprachkurse, die von Deutschland gefördert werden und es gibt regelmäßige Treffen, organisiert durch das deutsche Generalkonsulat in Kaliningrad, von Deutschkurs-Absolventen oder von Kaliningradern, die in Deutschland studiert haben.

Es gibt Kaliningrader, die den deutschen Bundestag auf Einladung deutscher Politiker besuchen und dort erklären, dass sie Bürgermeister von Kaliningrad werden wollen – ein sehr löbliches Lebensziel, finde ich. Allerdings hätte ich für diese Erklärung meines Lebensziels nicht den Bundestag gewählt, sondern eine Räumlichkeit in Kaliningrad.

Und es fahren vier Prozent aller Fahrzeuge in Kaliningrad mit „Königsberg-Kennzeichen“. Im Jahre 1991 waren es noch Null-Prozent. Und es gibt eine ganze Reihe neuer Wohngebiete, die altdeutsche Bezeichnungen erhalten – natürlich aus rein marketingtechnischen Erwägungen – weil man in einem deutschen Umfeld eben viel besser lebt, als in einem sowjetischen – gelle? Und es gibt jede Menge Königsberger Läden und Serviceeinrichtungen. Es gibt sogar einen Danke-Shop, obwohl in diesen Shop kein Deutscher etwas spendet oder kauft und eigentlich Spazibo gesagt wird für die preisgünstigen Spenden. All das gab es vor zehn Jahren noch nicht.

Und es werden Straßen umbenannt, so wie sie zu deutschen Zeiten hießen – ohne Genehmigung und unter Missachtung der Stadtordnung, was eigentlich untypisch Deutsch ist, denn Deutsche sind ja diszipliniert und beachten alle Gesetze und Stadtordnungen. Das gab es vor neun Jahren noch nicht.

Und die Rufe nach Rückgabe des deutschen Namens für eine russische Stadt werden immer lauter – im Jahre 1991 waren diese Rufe überhaupt nicht zu hören.

Und es wurde schon mal im Jahre 2014 die deutsche Fahne gehisst – auf einem Gebäude des russischen Sicherheitsdienstes. Vermutlich war dies auch der Anlass für andere Deutsche, die jetzt wieder planen, deutsche Siedlungen für Deutsche in Königsberg zu bauen, mit deutscher Schule und deutschem Bürgermeister und vermutlich auch deutscher Müllabfuhr und einem deutschen Dorfpolizisten.

Und es gibt mehr oder weniger regelmäßige Meetings, wo die Ostpreußen-Fahne geschwenkt wird.

Und im Jahre 2015 wurde eine Ehrentafel am Stadion „Baltika“ angebracht. Dort wurde den erstaunten Bestaunern der Tafel der ehrenvolle Name des Hitler-Gauleiters Erich Koch mitgeteilt, denn der war Namensgeber für das Stadion – wenn historisch gesehen, auch nur kurz. 2017 kochte der Skandal hoch und die Tafel wurde entfernt.

Wir erinnern uns weiter an die Wiedererrichtung der Göring-Datsche in der Rominter Heide, deren Bau erst durch gesellschaftlich Engagierte Einhalt geboten wurde.

Wir erinnern uns an die Schreier der „König-Legion“ während eines Fußballspiels im Jahre 2018, kurz nach der Fußball-Weltmeisterschaft.

Natürlich sollte auch die Anbringung der Agnes-Miegel-Gedenktafel am Geburtshaus dieser treuen Hitler-Gefolgin nicht vergessen werden. Deutsche hatten diese Tafel schon in den 90er Jahren angebracht und den Ort zu einem Wallfahrtsort entwickelt.

Und ganz zum Schluss sei noch daran erinnert, dass man jüngst versucht hat, dem russischen Airport Chrabrowo den Namen des ostpreußischen Bürgers Immanuel Kant zu verleihen.

Natürlich ist Kaliningrad – so zumindest meine Meinung, noch nicht so germanisiert, wie heute Deutschland amerikanisiert ist, aber ich finde, die Bilder gleichen sich und die Überschrift über diesen Beitrag ist angebracht – auch ohne Fragezeichen und nur mit einem Punkt versehen – also eine Feststellung.

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