„Wostok 18“ – das größte Militärmanöver in der russischen Geschichte

Von Dieter Farwick*

In diesen Tagen führt Russland nach Angaben des Verteidigungsministers Sergei Schoigu sein größtes Manöver „Wostok (Osten) 2018“ seit 37 Jahren in Sibirien durch – angeblich mit rd. 300.000 Soldaten, 36.000 Panzern und 80 Kriegsschiffen.

Beeindruckende Zahlen, aber stimmen sie auch? Wir werden sehen.

Bei der Übung „Zapad (Westen) 2017“ war Russland bemüht, die Anzahl der beteiligten Truppen unter 13.000 zu halten, da laut OECD-Regelungen ( Russland ist Mitglied) Besucher eingeladen werden müssen, die die Übung vor Ort beobachten können, wenn die Zahl von 13.000 überschritten wird.

Nach „Zapad 2017“ stimmten Experten dahingehend überein, dass die tatsächliche Zahl der teilnehmenden Soldaten bei rd. 100.000 gelegen hat.

Da die OECD-Regelungen für Sibirien nicht gelten, hat Russland die Zahl der Soldaten mit 300.000 Soldaten, die der Flugzeuge mit 1.000 und die der Seestreitkräfte mit 80 Kriegsschiffen durch den Generalstabschef Waleri Gerassimow bei seinem Briefing am 6.9.2018 verkündet.

Was soll das russische Zahlenspiel?

Die Zahlen sind Teil des russischen „information warfare“ – als wesentlicher Bestandteil der hybriden Kriegsführung, in der wir uns aus russischer Sicht seit Jahren – siehe der Krieg in der Ukraine – befinden.

Bei „Zapad 2017“ wollte man sich durch – besonders westliche Militär-Beobachter – nicht in die Karten schauen lassen. Daher die Zahl 13.000.

In diesen Tagen in Sibirien braucht Russland keine „niedrigen“ Zahlen, sondern hohe Zahlen, da man Wirkung erzielen will. Die angegebenen Zahlen liegen weit über den in und für Sibirien tatsächlich verfügbaren Soldaten, Panzern, Flugzeugen und Kriegsschiffen.

Ein Einschüchterungsversuch

Es kommt nicht von ungefähr, dass die französische Regierung von einem „Einschüchterungsversuch“ spricht, während Frau von der Leyen ohne Einwände von einer „Machtdemonstration“ redet.

Hohe Zahlen sollen die eigene Bevölkerung beruhigen, da in Russland von Kürzungen auch im Verteidigungshaushalt die Rede ist.

Am 1. März 2018 hat der russische Präsident in seiner stundenlangen Multi-Media-Schau phantastische moderne Waffensysteme, die angeblich zeitnah russischen Truppe zur Verfügung stehen, vorgestellt – im Weltraum, auf dem Lande, in der Luft und im Wasser – ,die den Stolz der russischen Bevölkerung gestärkt haben.

Es wird sich zeigen, ob und wann diese Waffen und Gerät in die Truppe kommen. Gem. der Schweizer „Allgemeinen Militärzeitschrift 9/ 2018“ wurden die geplanten Produktionszahlen für den „ultimativen“ ( O-Ton Putin) Panzer T-14 drastisch reduziert.

Im Ausland – besonders in den Baltischen Staaten – soll das Gefühl vermittelt werden, dass der russische Bär drei Meter groß und Widerstand zwecklos ist – Stichwort „ hybride Kriegsführung“.

Die symbolische Teilnahme von 3200 chinesischen Soldaten soll die Waffenbrüderschaft unterstreichen, die jedoch gem. „Military Balance“ vom 8.9.2018 bei weitem nicht das gebracht hat, was man sich von ihr versprochen hatte. Über die Größenordnung der beteiligten Kräfte aus der Mongolei wurden keine Zahlen genannt. Mit der Teilnahme beider Staaten soll der Eindruck vermittelt werden, dass Russland nicht alleine steht.

Welches Szenario liegt dem Manöver zugrunde?

In diesem Jahr ist „Wostok“ nicht nach außen gerichtet. Es gibt keinen Angreifer, gegen den Russland verteidigt werden muss.

Nach offiziellen russischen Angaben wird das „Einüben von Großkonflikten“ geübt. Ein ehrgeiziges Ziel, aber auch ein Hinweis, dass Russland in der Lage wäre, zwei militärische Konflikte auf eigenem Territorium gleichzeitig auszutragen – und natürlich zu gewinnen.

Wichtig ist die Erkenntnis, dass nennenswerte Verstärkungen aus anderen – z.B. westlichen – Militärbezirken nicht vorgesehen sind.

Es gibt zwei Kräftegruppierungen bei den russischen Streitkräften, die gegeneinander kämpfen.

Auf der einen Seite ist es der „Zentrale Militärbezirk“ mit der Nordflotte, während auf der anderen Seite der „Östliche Militärbezirk“ mit Unterstützung der Pazifischen Flotte kämpft.

In der Übung vom 13. – 17. September 2018 geht es auf beiden Seiten um massive Luftangriffe, den Masseneinsatz von Kampfdrohnen, um die Bewältigung logistischer Aufgaben und der Mobilmachung von Reservisten. Darüber hinaus werden nuklearfähige Raketen eingesetzt.

Für eine derartig große Übung sind fünf Tage eine relative kurze Zeit. Der Verfasser kann sich an NATO- Reforger-Übungen in den 70er und 80er Jahren in Deutschland erinnern, die bei geringerem Umfang an Personal und Material über 10 Tage gedauert haben.

Welche Lehren sollten die NATO und ihre Mitgliedstaaten aus „Wostok 2018“ ziehen?

Nach Jahrzehnten, in denen – zumindest in Deutschland – die sog. “Auslandseinsätze“ höchste Priorität hatten, muss die kollektive Landes- und Bündnisverteidigung in den Vordergrund gerückt werden. Eine Truppe, die gut auf diese herausfordernde Kriegsform erzogen, ausgebildet, bewaffnet und ausgerüstet ist, kann leichter auf „friedenserhaltende“ oder “friedensschaffende“ Einsätze „umgeschult“ werden als umgekehrt.

Die NATO-Mitgliedstaaten müssen eine faire Lastenteilung erreichen – auch um die Vereinigten Staaten als wichtigsten Partner in der NATO zu halten.

Sie sollten auch gemeinsam nach Wegen suchen, zu einer effizienten Rollenverteilung zu kommen.

Müssen alle – auch die größeren – Staaten alle Teilstreitkräfte zu hohen Kosten unterhalten?

Sind in einer Landes- und Bündnisverteidigung der nächsten Jahrzehnte neue Schwerpunkte in der Ausbildung zu setzen?

Digitalisierung, weitere Entwicklung in der Anwendung „Künstlicher Intelligenz“, „Robotnik“ und Cyber warfare werden das zukünftige Kriegsbild deutlich verändern.

Streitkräfteplaner der NATO und der NATO-Mitgliedsstaaten stehen vor einer Mammutaufgabe, zumal die Verteidigungsausgaben nur in wenigen Staaten die Benchmark von zwei Prozent des Bruttoinlandproduktes übersteigen werden.

Zur Abschreckung von militärischen Abenteuern gegen die NATO muss der derzeitige dünne Stolperdraht an der Ostgrenze des Bündnisses durch einen effizienten Zaun modernster Technologie und Sensorik ersetzt und Bewegungen feindlicher Truppen in Richtung Westen „gelähmt“ werden.

Wichtiger als finanzielle, strukturelle und technologische Verbesserungen ist der politische Wille, die Bevölkerung über Gefahren und Risiken zu informieren, um den Behauptungs- und Verteidigungswillen zu reanimieren.

Eine stabile innere Lage ist ein wichtiges Bollwerk gegen hybride Versuche von außen, die Bevölkerung und ihre Soldaten zu verunsichern und das Vertrauen in den Staat zu beschädigen.

Die Zeit arbeitet gegen den Westen und seine demokratischen Staatsformen.
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* Brig.General a.D. Dieter Farwick , BrigGen a.D. und Publizist, wurde am 17. Juni 1940 in Schopfheim, Baden-Württemberg, geboren. Nach dem Abitur wurde er im Jahre 1961 als Wehrpflichtiger in die Bundeswehr eingezogen. Nach einer Verpflichtung auf Zeit wurde er Berufssoldat des deutschen Heeres in der Panzergrenadiertruppe.
Vom Gruppenführer durchlief er alle Führungspositionen bis zum Führer einer Panzerdivision. In dieser Zeit nahm er an der Generalstabsausbildung an der Führungsakademie in Hamburg teil. National hatte er Verwendungen in Stäben und als Chef des damaligen Amtes für Militärisches Nachrichtenwesen.
Im Planungsstab des Verteidigungsministers Dr. Manfred Wörner war er vier Jahre an der Schnittstelle Politik-Militär tätig und unter anderem an der Erarbeitung von zwei Weißbüchern beteiligt. Internationale Erfahrungen sammelte Dieter Farwick als Teilnehmer an dem einjährigen Lehrgang am Royal Defense College in London.
In den 90er Jahren war er über vier Jahre als Operationschef im damaligen NATO-Hauptquartier Europa-Mitte eingesetzt. Er war maßgeblich an der Weiterentwicklung des NATO-Programmes ´Partnership for Peace` beteiligt.
Seinen Ruhestand erreichte Dieter Farwick im Dienstgrad eines Brigadegenerals. Während seiner aktiven Dienstzeit und später hat er mehrere Bücher und zahlreiche Publikationen über Fragen der Sicherheitspolitik und der Streitkräfte veröffentlicht.
Nach seiner Pensionierung war er zehn Jahre lang Chefredakteur des Newsservice worldsecurity.com, der sicherheitsrelevante Themen global abdeckt.
Dieter Farwick ist Beisitzer im Präsidium des Studienzentrum Weikersheim und führt dort eine jährliche Sicherheitspolitische Tagung durch.
Seit seiner Pensionierung arbeitet er als Publizist, u. a. bei conservo.

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