Das Existenzrecht Israels und die Reformierung des arabischen Denkens

von Adrian F. Lauber

Der zukünftige König von Saudi-Arabien, Kronprinz Mohammad bin Salman, scheint es mit seinem Anliegen, das Reich reformieren zu wollen, wirklich ernst zu meinen.

Kürzlich gab es wieder einmal eine Äußerung aus seinem Munde, die dafür spricht, dass er wirklich etwas verändern will.

Am Montag, den 2. April, veröffentlichte die amerikanische Zeitschrift The Atlantic einen Bericht über ein Interview, das Jeffrey Goldberg mit dem saudischen Thronerben geführt hatte und in dem Mohammad bin Salman doch tatsächlich gesagt hatte, die Israelis hätten ein Recht auf ihr eigenes Land.1

Dass ausgerechnet der zukünftige Herrscher des Landes, das wahrscheinlich die größte Brutstätte des islamischen Fundamentalismus ist, so etwas sagen würde, hätte ich – wenn man mir das vor ein oder zwei Jahren erzählt hätte – nicht für möglich gehalten. Offiziell hat Saudi-Arabien Israels Existenzrecht bisher nicht anerkannt. Es bestehen offiziell auch keine diplomatischen Beziehungen zwischen diesen Ländern.

Bisher war es eher so, dass arabische Führer Israels Existenz – grollend und widerwillig – als Realität akzeptiert haben, nicht aber, dass die Juden ein Recht auf ihren eigenen Staat hätten. Der saudische Kronprinz hat hier andere Töne angeschlagen, als man sie aus der arabischen Welt kennt.

Der Mullah-Staat Iran reagierte darauf, wie es erwartbar war. Der Oberste Führer, Ayatollah Ali Khamenei, erklärte: „Eine Entwicklung hin zu Verhandlungen mit dem betrügerischen, lügnerischen und unterdrückerischen Regime [in Israel] ist ein großer, unverzeihlicher Fehler, der den Sieg des palästinensischen Volkes zurückwerfen wird.“2

Ohne dass Saudi-Arabien oder sein Kronprinz speziell erwähnt würden, hieß es in der Stellungnahme des Revolutionsführers, dass alle Muslime verpflichtet seien, die palästinensischen „Widerstandsbewegungen“ zu unterstützen. Auch werde der Iran dies weiterhin tun.

Nun gut, was soll er auch sonst sagen? Die Vernichtung des jüdischen Staates ist eines der obersten Ziele des aggressiven iranischen Regimes, des laut US-Außenministerium größten staatlichen Sponsors des Terrorismus.3 Antisemitismus ist fester Bestandteil der Mullah-Staatsdoktrin.4 Khamenei bleibt sich und den Zielen seines Staates treu.

Der Iran hat es mit Hilfe der von ihm finanzierten, ausgerüsteten und trainierten Dschihadisten bereits geschafft, den Irak, große Teile Syriens und den Libanon unter Kontrolle zu bekommen. Ein von Teheran beherrschter Landkorridor bis ans Mittelmeer nimmt Gestalt an. Somit rücken Irans Fußsoldaten gefährlich nahe an Israels Grenzen heran und wetzen bereits ihre Messer. Auch in Afghanistan und im Jemen mischen die Mullahs mit.

Ob der saudische Kronprinz sein Land wirklich wesentlich verändern kann, ist offen. Für saudische Verhältnisse ist es schon bemerkenswert, was sich dort tut, aber man sollte sich keine Illusionen darüber machen, dass man die über Generationen angerichteten Schäden nicht ohne Weiteres rückgängig machen kann. Herzen und Hirne der Saudis wurden mit Hass auf „Ungläubige“ vergiftet. Auch besteht leider die Möglichkeit, dass Reformversuche von den Fundamentalisten zum Scheitern gebracht werden. (Unter den Radikalen im eigenen Land, aber auch anderswo in der islamischen Welt hat Mohammad bin Salman sich bereits eine Menge Feinde gemacht.)

Saudi-Arabien ist mitverantwortlich für den Export der dschihadistischen Ideologie über Ländergrenzen hinweg, Dschihadisten wurden von Saudis in großem Stil gefördert. Fundamentalismus ist in der islamischen Welt kein Minderheitenphänomen5, ebenso ist der Judenhass alltäglich.6 Beides importieren sich Deutschland und Europa gerade en masse.7

Beim Judenhass will ich für einen Moment verweilen, denn mir scheint, Lee Smith liegt richtig mit seiner Einschätzung, dass für eine echte Modernisierung der arabischen Welt die Überwindung des Juden- und Israelhasses fundamental wäre. (Aber das gilt natürlich genauso für nicht-arabische Nationen wie den Iran.)

Der Antisemitismus hat sich tief in die Köpfe dieser Menschen hinein gefressen und das Geistesleben der arabischen Welt korrumpiert und pervertiert. Es kommt dort unten auch deshalb nichts voran, weil man sich daran gewöhnt hat, für das eigene Versagen immer wieder den gleichen Sündenbock verantwortlich zu machen: die Juden. Oder die natürlich von den Juden bzw. den Zionisten – von wem auch sonst? – beherrschten USA. (Anmerkung: Der Wissenschaftler Bassam Tibi hat darauf verwiesen, dass die Bezeichnungen „Jude“ (Yahudi) und „Zionist“ (Sahyuni) in der arabischen Welt heute synonym verwendet werden.)

Von wenigen klarsichtigen Gelehrten einmal abgesehen, hinterfragen die Menschen nicht, ob sie selbst irgendwelche Fehler gemacht haben könnten, derentwegen es ihren Ländern wirtschaftlich schlecht geht, derentwegen sie der Welt kein neues Wissen, keinerlei Innovation zu vermitteln haben.

Nein, die Anhänger des einzig wahren Glaubens können keine Fehler gemacht haben. „Ihr [die Muslime] seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah. Und wenn die Leute der Schrift glauben würden, wäre es wahrlich besser für sie. Unter ihnen gibt es Gläubige, aber die meisten von ihnen sind Frevler.“, heißt es in Sure 3, Vers 110, des Koran. Im Islam ist es nicht vorgesehen, irgendetwas zu hinterfragen. „Islam“ heißt – entgegen dem, was links-grüne Volkspädagogen behaupten – nicht „Frieden“, sondern „Unterwerfung“, unter Allahs Willen.

Allah kann unmöglich etwas Falsches von seinen Gläubigen verlangen. Was er und sein Gesandter Mohammed gesagt haben, ist das einzig Wahre.

Dieser im Islam angelegte Glaube an die eigene Überlegenheit in Kombination mit Judenhass ist eine toxische Mischung. Wobei der Judenhass auch unter mehr oder weniger säkular eingestellten Arabern nichts Besonderes ist und bei ihnen nicht weniger zerstörerisch wirkt.

Die Unfähigkeit, sich selbst und das eigene Weltbild zu hinterfragen, führt in Kombination mit der Fixierung auf den ewigen jüdischen Sündenbock zu einer Unfähigkeit zur Reform. Wir müssen ja gar nichts ändern! Es könnte uns allen doch so gut gehen, wenn dieses vermaledeite Israel endlich weg wäre! Das ist unser eigentliches Problem!8

Lee Smith schreibt richtiger Weise: „Kritik am Antisemitismus konzentriert sich typischer Weise auf den Schaden, den er Juden zufügt, aber das ist nur ein Teil der Gleichung. Zu bedenken ist auch, was er mit denjenigen macht, die vom Antisemitismus befallen sind (…), indem er sie in völlig Irre verwandelt, die unfähig sind, die Welt zu verstehen und in ihr rational zu agieren. Wenn Sie daran glauben, dass ein Prozent der Weltbevölkerung den globalen Wohlstand, die Kommunikationssysteme oder sogar das Wetter kontrolliert, wird es zunehmend schwierig, zu funktionieren. Wenn eine ganze Gesellschaft diese Weltsicht übernimmt, ist es vorbei. ‘Die Juden kontrollieren das Wetter‘, das ist kein Ausgangspunkt, von dem aus irgendjemand vorwärts kommen kann.

Nehmen wir das Beispiel Syrien, dessen Herrscher es zweckmäßig fanden, rivalisierende Sekten und Stämme durch einen oppositionellen Nationalismus zu blenden, der auf einem ewigen Krieg gegen den jüdischen Staat basiert. (…)

Irans Antisemitismus ist gefährlich für Israel, aber seien wir ehrlich: Jerusalem hat ein großes nukleares Arsenal und kann auf sich selbst aufpassen (…) Der Antisemitismus, der das Markenzeichen des Wahnsinns der iranischen Führung ist, ist für den Iran selbst gefährlicher – eine Gefahr, die durch das Streben des Regimes nach Atomwaffen noch vergrößert wird.

Folglich ist die iranische Bedrohung nicht nur eine militärische, sondern auch eine kulturelle. Deshalb versucht MBS [Mohammad bin Salman], die regionale Ordnung seit der Zeit nach 1979 im Eiltempo rückgängig zu machen, die nun vom Obskurantenregime in Teheran repräsentiert wird, das nicht nur Krieg gegen Israel, sondern gegen alle seine Nachbarn führt, vom Persischen Golf bis zum östlichen Mittelmeer. Um Saudi-Arabien auf dem Kurs in die andere Richtung, nämlich in die Zukunft, zu halten, wäre es der logische Schritt für einen Mann, der daran geht, das System zu erschüttern, Israel zu akzeptieren.“9

Dem kann ich kaum etwas hinzufügen.

Nur eine kleine Einschränkung möchte ich machen. Ich bin zwar auch der Meinung, dass Israel – Gott sei Dank – stark genug ist und sich doch jetzt nicht von den Mullahs die hart erkämpfte Existenz streitig machen lassen wird. Aber Israels Stärke sollte kein Grund für den Westen sein, den jüdischen Staat nicht weiter zu unterstützen. Die Bedrohung durch den Iran und die von ihm unterstützten Dschihadisten muss sehr ernst genommen werden. Erstens sollte es, wenn das angeblich so intensiv betriebene Lernen aus der Geschichte überhaupt einen Sinn gehabt haben soll, selbstverständlich sein, Israel und den Juden gegen den heutigen antisemitischen Totalitarismus aus der islamischen Welt beizustehen. Zweitens betrifft die Destabilisierung der Region durch Terror und Krieg ja letztendlich auch den Westen – z. B. dadurch, dass Flüchtlingsströme wie der aus Syrien produziert werden, die unsere eigene Zivilisation auch in existenzielle Gefahr bringen.

Ich schrieb bereits darüber, dass ohne ein Eingreifen des Westens, vor allem Amerikas, der Vormarsch des Iran wohl nicht gestoppt und die Syrien-Krise nicht gelöst werden kann.

Derzeit wird darüber diskutiert, die amerikanischen Streitkräfte aus Syrien zurückzuziehen.10 Ich hoffe inständig, Donald Trump, der bisher Vieles gut gemacht hat11, wiederholt nicht diesen Elementarfehler seines Vorgängers. Obamas übereilter Abzug aus dem Irak hat den Weg frei gemacht für die Übernahme durch den Iran. Darüber hinaus wäre es vielleicht möglich gewesen, den späteren IS bereits im Keim zu ersticken, wenn die Amerikaner länger im Land geblieben wären.

Jetzt aus Syrien wegzugehen, wäre wie ein Freifahrtschein für die Mullahs. Ganz abgesehen davon, dass dieses gebeutelte Land noch nicht befriedet und die Flüchtlingskrise noch lange nicht gelöst ist.

Quellen:

The Atlantic, 2.4.2018: „Saudi Crown Prince: Iran’s Supreme Leader ‚Makes Hitler Look Good’“ by Jeffrey Goldberg https://www.theatlantic.com/international/archive/2018/04/mohammed-bin-salman-iran-israel/557036/
Middle East Eye, 4.4.2018: „Iran’s supreme leader: Israel talks would be ‚unforgivable’“ http://www.middleeasteye.net/news/negotiating-israel-would-be-unforgivable-irans-supreme-leader-1642664710
U.S. Department of State: Country Reports on Terrorism 2016 / Chapter 3: State Sponsors of Terrorism https://www.state.gov/j/ct/rls/crt/2016/272235.htm
Siehe meine Iran-Updates vom 20.2.2018, Abschnitt II: „Die geistige Saat Khomeinis: Schiitischer Judenhass“
Siehe meinen Artikel „Nur eine kleine Minderheit? Studien zum islamischen Fundamentalismus“
Basler Zeitung, 13.3.2017: „Die Rückkehr des Judenhasses“ von Bassam Tibi https://bazonline.ch/ausland/standard/Die-Rueckkehr-des-Judenhasses/story/17648613
Philosophia Perennis, 27.3.2018: „Der millionenfach importierte Antisemitismus beginnt zu wirken“ von Michael Kornowski

https://philosophia-perennis.com/2018/03/27/umschweife-amp/

Basler Zeitung, 5.4.2018: „Wenn Europa so weitermacht, wird es zu Eurabia“ von Bassam Tibi https://bazonline.ch/ausland/europa/wenn-europa-so-weitermacht-wird-es-zu-eurabia/story/20258524

PragerU: „What’s Holding the Arab World Back?“ by Bret Stephens (Veröffentlicht: 30.1.2017) https://www.youtube.com/watch?v=aAOzlinU94g
Tablet Magazine, 4.4.2018: „The Secret to Successful Arab Modernization is to Stop Hating Israel“ by Lee Smith http://www.tabletmag.com/scroll/259407/the-secret-to-successful-arab-modernization-is-to-stop-hating-israel
Gatestone Institute, 5.4.2018: „Is Trump About to Repeat Obama’s Worst Mistake?“ by Malcolm Lowe https://www.gatestoneinstitute.org/12120/syria-trump-obama
Jüdische Rundschau, 11.1.2018: „Der Erfolg des Unangepassten“ von Markus Somm http://juedischerundschau.de/der-erfolg-des-unangepassten-135911161/

Siehe außerdem: Middle-East-Info.org: Anti-Semitism

http://www.middle-east-info.org/gateway/antisemitism/

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Der bekannte Blogger Adrian F. Lauber ist seit November 2017 regelmäßig Autor auf conservo.

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